Henryk M. Broder ist neuer Träger des Schubart-Literaturpreises der Stadt Aalen

In ihrer jüngsten Sitzung hat die Jury des Schubart-Literaturpreises der Stadt Aalen den Journalisten und Schriftsteller Henryk M. Broder zum Preisträger des Jahres 2005 gewählt. Henryk M. Broder wird die Auszeichnung am Sonntag, 20. März 2005 um 11 Uhr bei einer Feierstunde im Aalener Rathaus von Oberbürgermeister Ulrich Pfeifle verliehen.

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Die Laudatio auf den Preisträger hält Jochen Hieber, der neue Vorsitzende der Schubart-Jury. Der Preis ist mit 12 000 Euro dotiert. Er wird seit 1955 alle zwei Jahre verliehen. 2003 ging der Preis an Uwe Timm. $(text:b:Die Begründung der Jury lautet:)$ „Der Schubart-Literaturpreis der Stadt Aalen für das Jahr 2005 wird verliehen an den Journalisten und Schriftsteller Henryk M. Broder für sein so streitbares wie kenntnisreiches und vom jeweils herrschenden Zeitgeist ganz unabhängiges publizistisches Werk. Seit mehr als zwei Jahrzehnten stehen Broders Stil und Stimme für die freiheitliche und republikanische Tradition des deutschsprachigen Journalismus ein. Christian Friedrich Daniel Schubart zählt ebenso zu seinen Ahnherrn wie Karl Kraus, der legendäre Herausgeber der „Fackel“. Zu Broders bleibenden Verdiensten zählt zumal sein bei aller polemischen Lust stets prägnant und präzise argumentierendes Engagement für das jüdisch-deutsche und das deutsch-israelische Verhältnis. Gerade für die Nachgeborenen des Holocaust auf beiden Seiten, auf derjenigen der Opfer und der Täter, haben Broders Bücher, Artikel und Essays repräsentativen Rang.“ $(text:b:Biographische Notiz)$ Henryk M. Broder wurde am 20. August 1946 in Katowice/Polen geboren. 1958 kam er mit den Eltern in die Bundesrepublik. 1981 verlegte er seinen Wohnsitz nach Israel und lebt heute in Berlin. Er studierte Jura und Volkswirtschaft in Köln. In Deutschland wie in Israel machte sich Broder als freier Schriftsteller und kritischer Journalist einen Namen. Auch nach seinem zeitweiligen Umzug nach Israel schrieb er ab 1981 regelmäßig für so renommierte Zeitungen und Zeitschriften wie die ZEIT, den SPIEGEL, das PROFIL, die "Weltwoche" und die "Süddeutsche Zeitung". Darüber hinaus brachte er Bücher heraus, in denen er sich bis 1989 unter anderem kritisch mit dem deutsch-jüdischen, nach 1989 mit dem deutsch-deutschen Verhältnis auseinander setzte. Er hielt, so schrieb die Süddeutsche Zeitung (1. November 1991) zusammenfassend, "das schlechte Gewissen der Deutschen wach mit seinen Polemiken, entlarvte, als sich dies noch niemand traute, scharfzüngig linken Antisemitismus". Kontroversen löste sein offener Brief in der Wochenzeitung Die ZEIT an die linken Freunde aus: "Ihr bleibt die Kinder Eurer Eltern", hieß die Polemik, in der er, so die Frankfurter Allgemeine Zeitung (Mag., 14. Mai 1993), "den linken Antizionismus als subtile Variante des traditionellen Rassismus bloßstellte und zugleich Abschied von der Bundesrepublik nahm." Einer SPIEGEL-Meldung vom Mai 1994 zufolge soll Broder über den Grund seines zeitweiligen Wegzugs aus Deutschland in einem Interview Ende 1993 gesagt haben: "Ich hatte einfach die Nase voll, mich mit linken Antisemiten à la Schwarzer und Paczensky herumzuschlagen." Gerd v. Paczensky klagte wenig später mit Erfolg vor dem Oberlandesgericht Hamburg gegen eine solche Charakterisierung und die weitere Verwendung der zitierten Formulierung (vgl. SPIEGEL 43/1994). Als Broder 1986 bei Fischer das Taschenbuch "Der ewige Antisemit. Über Sinn und Funktion eines beständigen Gefühls" veröffentlichte, erwirkte der Intendant des Frankfurter Schauspiels, Günther Rühle, im Juli 1986 eine einstweilige Verfügung. Ihr zufolge sollte in dem Buch nicht weiter behauptet werden dürfen, Rühle habe von einem "Ende der Schonzeit" - der Juden nämlich - gesprochen. Den folgenden Prozess verlor Rühle. Er scheiterte mit seinem Widerrufverlangen. In der Verhandlung hatte er zugegeben, von einem "Ende des Schonbezirks" gesprochen zu haben. 1987 erschien von B. "Ich liebe Karstadt und andere Lobreden" mit dem Untertitel "Essays und Polemiken wider den Zeitgeist", ferner präsentierte er sich in diesem Jahr dem deutschen Fernsehpublikum als Gastgeber (zusammen mit Elke Heidenreich) der Berliner Talkshow "Leute". Eine TV-Dokumentation (zus. m. Eike Geisel) drehte Broder mit dem Titel "Manchmal waren es Sternstunden - der jüdische Kulturbund 1933-1941", einen weiteren Film (zus. m. Frans van der Meulen) unter dem Titel "Soll sein - Jiddische Kultur im jüdischen Staat". 1989 kam in der Wochenendbeilage der "Süddeutschen Zeitung" die Broder-Satire "Das 12. Bundesland" heraus, ein zwischen Ernst und Groteske changierendes Stück politischer Utopie. In dieser Fiktion schlug B. vor, Israel sollte das 12. Bundesland der Bundesrepublik Deutschland werden, es gäbe hüben und drüben ausreichend Affinitäten. Im Oktober 1989 erhielt M. für diese Polit-Satire den 5. Internationalen Publizistikpreis, den die Kärntner Landeshauptstadt Klagenfurt jährlich stiftet. "Erbarmen mit den Deutschen" ist Titel eines 1993 erschienenen B.- Buches, das im wesentlichen seine aktuellen Zeitungsbeiträge zusammenfasst. Nach Ansicht der ZEIT (17. September 1993) stellte B. in diesem Band unter anderem heraus, dass "nicht der Wille zur Macht" die Deutschen antreibe, sondern der "Wille zum Flop", und eine Art von Wiederholungszwang ihr politisches Handeln bestimme - als wollten sie sich und der Welt beweisen, dass sie bei der Bewältigung des Dritten Reichs "nicht zufällig, sondern willentlich" gescheitert seien und daher bei der Bewältigung der DDR "ebenso planvoll" scheitern müssten. Weitere zeitkritische Prosatexte enthält der 1994 erschienene Broder-Band "Schöne Bescherung! Unterwegs im Neuen Deutschland". Respektlos und ohne falsche Rücksicht schließlich entwarf er auch in der 1996 veröffentlichten Essay-Sammlung "Volk und Wahn", laut Verlagstext ein "Psychogramm zur Stimmungslage der Nation", ein "schillerndes Panoptikum der Seelenzustände eines psychisch aus den Fugen geratenen Landes" (Stgt. Z., 29.11.1996). Als Ziel seiner Polemiken taugen dabei die "guten Menschen", denen Auschwitz die Fähigkeit zum nüchternen Urteil wie zur entschlossenen Tat genommen habe ebenso wie die Überzeugungstäter, die sich immer noch an ein von der Geschichte längst überholtes Systems klammerten. Ab Anfang 1993 war B. zwei Jahre lang Autor der Hamburger Zeitung "Die Woche", im April 1995 wurde er Autor und Reporter beim Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL. In einem längeren Beitrag (11. November 1996) verteidigte er hier auch den Autor Carl Corino, der dem Schriftsteller Stephan Hermlin Widersprüche und Falschangaben in dessen bis dahin als authentisch angesehener Biographie nachgewiesen hatte, gegen den Vorwurf des Antisemitismus. Veröffentlichungen u. a.: "Danke schön. Bis hierher und nicht weiter" (81), "Der ewige Antisemit" (86), "Ich liebe Karstadt" (87), "Erbarmen mit den Deutschen" (93), "Schöne Bescherung! Unterwegs im Neuen Deutschland" (94), "Volk und Wahn" (96). TV-Dokumentationen: "Manchmal waren es Sternstunden - der jüdische Kulturbund 1933-1941" (m. Eike Geisel), "Soll sein - Jiddische Kultur im jüdischen Staat" (m. Frans van der Meulen) 1998: „Die Irren von Zion“ 2002: „Kein Krieg, nirgends. Die Deutschen und der Terror“. Auszeichnung: Hauptpreis des 5. Internationalen Publizistikwettbewerbs in Klagenfurt (1986; für die politische Satire "Das 12. Bundesland"). Adresse: c/o Ölbaum-Verlag, Postfach 11 17 28,86152 Augsburg Quelle: Munzinger Archiv GmbH
© Stadt Aalen, 19.01.2005